THEODOR BODER VERLAG

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Lisa Borg im SCHLEITHEIMER BOTE

Bücher / Hörbücher

Erschienen im "Schleitheimer Bote"
Anzeiger vom Oberklettgau, am 1. Februar in der Nummer 12

Vergewaltigung aus der Sicht des Opfers

Die Geschichte der Lisa Borg

(gb) Gewalt und Vergewaltigung sind auch Themen unserer Zeit. Es wird viel darüber berichtet, jedoch selten schreibt und redet ein Opfer aus eigener Sicht darüber. Unter dem Pseudonym Lisa Borg veröffentlicht eine Frau aus Beringen einen autobiographischen Roman, der Ende Januar im Theodor Boder Verlag erscheint, in dem sie über ihre Vergewaltigung und die Folgen berichtet.


(AvO) Sie haben einen Roman über Ihre Vergewaltigung geschrieben. Was wollen Sie damit erreichen und welche Zielgruppe ansprechen?

L.B.: Wenn ich auf die vergangenen 20 Jahre zurückblicke, habe ich eigentlich erst wieder richtig ins Leben zurückgefunden, als ich mich öffnete und anfing über mein Schicksal zu schreiben und zu reden. Als Opfer einer Vergewaltigung braucht man sehr viel Mut, Kraft und Entschlossenheit, um über das Geschehene zu berichten. Vergewaltigung ist ein intimes Verbrechen, und als Opfer hat man grosse Schamgefühle und Angst. Da ist Hilfe, Nähe und Zuwendung von anderen Menschen notwendig. Vergewaltigten Frauen möchte ich durch meinen Schritt in die Öffentlichkeit ermutigen, aus ihrem Schatten zu treten und über ihr eigenes Schicksal zu berichten. Mit der Schweizer Mentalität, in der man über solch intime Geschehnisse lieber schweigt, ist das schwierig. Doch es lohnt sich, sich Menschen zu suchen, zu denen man Vertrauen hat, um sich öffnen zu können. Wie das geschieht ist sicher individuell. Professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn die Vertrauensbasis vorhanden ist, ist sicher einer der besten Wege. Mit meiem Roman möchte ich vor allem jugendlichen Opfern Mut machen, aber auch alle Leute durch alle Generationen ansprechen und aufrütteln. Ich wünsche mir, dass auch etliche Männer das Buch lesen, denn auch Väter finden darin eine Möglichkeit, aus ihrer Sicht und Erfahrung auf ihre Kinder einzuwirken, und mit ihnen darüber zu sprechen.

(AvO) Was hat Sie bewegt, mit Ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen?

L.B.: Damals nach meiner Vergewaltigung – ich arbeitete während meines Sprachaufenthaltes als Au pair Mädchen im kanadischen Vancouver – hatte ich das Glück, Leute um mich zu haben, die mir menschliche und professionelle Hilfe boten, mich in die Arme nahmen, wenn ich immer wieder von Panikattacken erfasst wurde, die mir immer wieder zuhörten und mich wachrüttelten. Meine Erinnerungen an Kanada sind auch geprägt von solchen tragenden Erfahrungen und von Menschen, die keine Distanz aufbauten – ich war ja für sie eine Fremde –, sondern mich einfach unterstützten, wo es nötig war. So fand ich allmählich wieder ins Leben zurück und wollte eigentlich in Kanada bleiben, wo die Leute und das Leben mir so sehr entsprachen. Nach einem ereignisreichen halben Jahr, wo aus meinem Traum ein immer grösserer Albtraum wurde, flüchtete ich zurück nach Hause, ohne meine schrecklichen Geheimnisse zu offenbaren. Die Schweizer Mentalität erschwerte es mir, offen zu bleiben. Der Mut verliess mich, ich verdrängte mein Leid und suchte Schutz im Schweigen. Lange Zeit erlebte ich dann, wie fatal es ist, sich zu verschliessen und alles zu verdrängen. Ich weiss also wie es sich anfühlt, in der Nacht von immer wiederkehrenden Träumen aufgeschreckt, schweissgebadet und zitternd aufzuwachen, von Ängsten beim Ansehen eines Messers gepackt zu werden und immer wieder mit der Angst vor dem Täter konfrontiert zu werden. Und das 20 Jahre lang.


(AvO) Was ist in Ihnen während des Schreibens vorgegangen?

L.B.: Mein Buch trägt den Titel «Die Tasche aus Vancouver». Ich habe ihn gewählt, weil ich, als ich in die Schweiz zurückkehrte, die Gedanken an das Vorgefallene in eine Tasche packte und weit wegstellte. So blieb es jahrelang, bis ich vor ungefähr drei Jahren den Drang verspürte, meine ganze Geschichte aufs Papier bringen zu müssen. Erinnerungen kamen hoch. Ich beschrieb Ängste, Schmerzen und Gefühle aus der damaligen Sicht. Zwingend und wie in Trance schrieb ich für mich innerhalb von 2 Monaten meine gesamten Erinnerungen auf. Ich schrieb mir den Albtraum von der Seele. Erst kurz vor dem ich die Geschichte zum Lesen weiter gab, erfuhren meine Familie und meine Freunde von meinen bis dahin wohl gehüteten Geheimnissen.


(AvO) Wie lautet Ihre zentrale Botschaft, wenn sie auf die vergangenen 20 Jahre zurückblicken?

L.B: Geniesse jeden Tag und lebe bewusster im Augenblick. Ich fühle mich geborgen in meiner inneren Ruhe, die auch daher rührt, dass ich meine Mitmenschen so akzeptieren kann, wie sie sind. Toleranz und Respekt, auch mir gegenüber, sind für mich zwingend. Die Spätfolgen meiner Vergewaltigung sind nicht behoben. Aber ich kann mit ihnen umgehen, und sie legen sich nicht mehr wie Schatten über mein Leben, und bedrohen mich nicht mehr. Mein Leben hat eine neue Sicht und Qualität bekommen. Darüber möchte ich auch in einem zweiten Buch berichten und anderen Mut machen, den schmerzvollen Weg der Konfrontation durchzugehen und durchzustehen. Ein Weg, der sein muss, um das Geschehene akzeptieren zu können.


(AvO) Was raten Sie jungen Mädchen und Frauen?

L.B.: Ich weiss keinen Rat, wie eine Vergewaltigung zu verhindern ist. Allerdings würde ich heute mehr auf den Rat und die Bedenken von Freunden und Familienmitgliedern hören. Sachliche Aufklärung ist nicht nur bei Mädchen sondern vor allem auch bei Knaben absolut notwendig. Allerdings müssen Mädchen auf die Gefahr von allzu herausforderndem Verhalten gegenüber Männern aufmerksam gemacht werden. Hier ist eine differenzierte und sorgfältige Aufklärung nötig, die ihre Wirkung am besten in einem nachhaltigen Bewusstseinsprozess entfalten kann. Kein Mensch hat ein Recht, einem Mädchen unter den Rock zu greifen. Was freizügige Kleidung anbelangt, möchte ich festhalten: Ein Vergewaltiger schreckt auch nicht vor einem Mädchen in einem Rollkragenpullover zurück. Ich empfehle jungen Frauen ihr feines Gespür für Leute zu entwickeln und ihm zu vertrauen. Ungute Gefühle gegenüber einem Menschen sollten beachtet und eine schützende Distanz eingehalten werden.


(AvO) Was würden Sie jungen Männern zu bedenken geben?

L.B. Jungs möchte ich zu bedenken geben, dass Mädchen und Freundinnen weder Spielzeuge noch Vorführbesitz sind und schon gar nicht zu einem Verhalten, das ihnen widersteht, genötigt werden dürfen. Hier ist trotz Sturm- und Drangjahren Zurückhaltung gefordert. Allen jungen Stürmern empfehle ich Geduld und Einfühlungsvermögen zu entwickeln, was den Umgang mit Mädchen erheblich erleichtert und dafür spontaner und schöner macht.


(AvO) Was hat Sie in Ihrem Leben am meisten geprägt?

L.B.: Das gesamte halbe Jahr, das ich als Ausländerin in Kanada verbracht habe. Tief berührt hat mich die bedingungslose Freundschaft, von der ich noch heute zehre. Es ist gut nicht zu wissen, was noch alles auf mich zukommen wird, aber durch die Verarbeitung fühle ich mich den Herausforderungen des Lebens wieder gewachsen.


(AvO) Im Rückblick auf die Vergewaltigung. Denken Sie durch ein anderes Verhalten hätte das Ereignis vermieden werden können?

L.B.: Heute im Rückblick denke ich ja. Es gab da einige Signale, die ich aufmerksamer beachten hätte sollen. Aber im Nachhinein ist man immer klüger. Damals in meiner Naivität und meinem provinzlerischen Denken war ich davon überzeugt, dass Richtige getan zu haben. Ich möchte betonen, dass ein Sprachaufenthalt eine einmalige Gelegenheit bietet, wertvolle Erfahrungen für das ganze Leben zu sammeln. Daher rate ich allen, welche die Chance dazu bekommen, sie auch zu ergreifen. Das was mir passiert ist, kann jederzeit und überall geschehen, das hat eigentlich nichts mit einem Sprachaufenthalt zu tun. Ich rate jedoch, vor einem Sprachaufenthalt, sich gut über die Gastfamilie zu informieren und Referenzen einzuholen. Jungen Mädchen empfehle ich, unbedingt auf ihre Gefühle zu achten, sie ernst zu nehmen und sich einem wohlgesinnten Menschen anzuvertrauen.


(AvO) Warum haben sie für Ihre Erfahrungen als Form den autobiografischen Roman und nicht das Sachbuch gewählt? Haben Sie mit Ihrem Buch Ihre Geschichte aufgearbeitet und abgeschlossen? Oder kann man das gar nicht.

L.B.: Die Romanform hat sich ergeben, weil sie mir die Möglichkeit bietet, meine Erfahrungen so authentisch wie möglich zu schildern. Dadurch kann der Leser sich selbst in die Geschichte hineinversetzen und sich eventuell auch wieder an seine eigenen Erfahrungen erinnern. Allerdings geht das Schreiben nicht ohne nochmalige, schmerzliche Konfrontation mit der Vergangenheit. Die Verarbeitung ist für mich jedoch zum Reifungs- und Lebensprozess geworden, den ich vermutlich nie abschliessen kann.




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